GESCHICHTE DER RADIOKOJE

HISTORISCHER HINTERGRUND / #radioresistance

Das Schwimm-,  Sonn- und Luftbad Kongreßbad kennt den Wandel seit seiner Erbauung 1928 nur zu gut, hat es schon fast ein Jahrhundert europäischer Geschichte überdauert. Während sich die wilden Zwanziger am Freizeitbedarf der Arbeiter*innen der umliegenden Bezirke Ottakring und Hernals – damals produktiver Industrie- und Wirtschaftsstandort – orientierten, entwickelte sich das Freizeitbad in den 1930er Jahren zum kulturellen Treffpunkt Musikinteressierter. Das Kongressbad spielte eine wichtige Rolle im Zugang musikalischer Unterhaltung, denn in der „Radiokoje“, dem eigenen Radiosender, konnte man die neuste Musik hören. Gerade in der NS-Zeit wurden Musik und Tanz mit Swing und Lindy Hop zum Ausdruck des Widerstands. Es wurden dort verbotene Jazzplatten gespielt.

Die emanzipatorische Funktion des Bads als Ort öffentlicher Kultur trat in den 1960er-Jahren in den Hintergrund. Neuer Wohlstand und die Motorisierung der Nachkriegszeit ermöglichten Urlaube im Ausland, beflügelten die Entkopplung von Wohnort und Freizeitgestaltung. Das gemeinschaftliche Erleben von Musik-, Sport- o. Kinovorstellungen verlor sich schließlich mit der Verbreitung privater Unterhaltungstechnik. Ab den 1950er-Jahren flaute das Interesse an den Radiosendungen ab, Sport und Wellness überwogen Kultur. Im Zuge umfangreicher Umbauten wurde die Radiokabine 1987 letztlich abgetragen. Bis in die 1980er schallte aber Musik im Bad. Immer noch erzählen ältere Badegäste vom Gesellschaftstanz – barfüßig auf dem Steinboden – und den wilden Liebesgeschichten, die sie dort erlebten.