PROJEKT // CLUB RADIOKOJE

CLUB RADIOKOJE

Den Auftakt zur Veranstaltungsreihe gab am 16. Juni 2018 im Ottakringer Kongressbad die erste „CLUB RADIOKOJE“ mit live DJ /DJINI sowie experimentellem Konzert am Wasser. Damit knüpfen wir nicht nur geschichtlich an die regelmäßigen gesellschaftlichen und kulturellen Events im Kongressbad an, sondern greifen den musikgeschichtlichen Kontext der Water Music und die klanglichen Materialversuche des 20. Jahrhunderts wieder auf.

In Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik werden zukünftig etablierte Kompositionen re-interpretiert sowie neue Werke für das öffentliche Bad entwickelt. Wir möchten Kompositionsaufträge in Auftrag geben sowie die Aufführung am Pool überhaupt ermöglichen. Damit bieten wir der Expertise aktueller Komponist*innen in der Tradition der Avantgarden des 20. Jahrhunderts eine Plattform und schlagen eine Brücke zwischen Künstler*innen, einem neu zu erschließenden und durchaus offenen (Bade)Publikum sowie unserem Verein.

KONZEPT

Die Musikgeschichte kennt einige Beispiele, bei denen der Swimming Pool als Aufführungsort und zum Kompositionsmittel umfunktioniert wurden. So beschäftigte sich z.B. der französische Komponist Michel Redolfi in den 1980er Jahren mit dem Format der Underwater Music. Zahlreiche Kompositionen – allen voran John Cages Water Music (1952) oder Yoko Onos Water Piece (1963) – greifen das Element Wasser, bisweilen auch Elemente der daran angeknüpften Badekultur auf. Künstlerische Interventionen am und im Wasser setzen diese Tradition fort. Der Pool als Erholungsort und gesellschaftlicher Treffpunkt ist zudem eine attraktive Tanzlocation. Dies möchten wir in den folgenden Jahren weiter erkunden und Programme gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern, Badegästen und Bademeistern gestalten.

HISTORISCHER HINTERGRUND / WIEN BEZUG

Das Schwimm-,  Sonn- und Luftbad Kongreßbad kennt den Wandel seit seiner Erbauung 1928 nur zu gut, hat es schon fast ein Jahrhundert europäischer Geschichte überdauert. Während sich die wilden Zwanziger am Freizeitbedarf der Arbeiter*innen der umliegenden Bezirke Ottakring und Hernals – damals produktiver Industrie- und Wirtschaftsstandort – orientierten, entwickelte sich das Freizeitbad in den 1930er Jahren zum kulturellen Treffpunkt Musikinteressierter. Das Kongressbad spielte eine wichtige Rolle im Zugang musikalischer Unterhaltung, denn in der „Radiokoje“, dem eigenen Radiosender, konnte man die neuste Musik hören. Gerade in der NS-Zeit wurden Musik und Tanz mit Swing und Lindy Hop zum Ausdruck des Widerstands. Es wurden dort verbotene Jazzplatten gespielt.

Die emanzipatorische Funktion des Bads als Ort öffentlicher Kultur trat in den 1960er-Jahren in den Hintergrund. Neuer Wohlstand und die Motorisierung der Nachkriegszeit ermöglichten Urlaube im Ausland, beflügelten die Entkopplung von Wohnort und Freizeitgestaltung. Das gemeinschaftliche Erleben von Musik-, Sport- o. Kinovorstellungen verlor sich schließlich mit der Verbreitung privater Unterhaltungstechnik. In den 1950er-Jahren wurden die beliebten Radiosendungen eingestellt, Sport und Wellness überwogen Kultur. Im Zuge umfangreicher Umbauten wurde die Radiokabine 1987 letztlich abgetragen. Immer noch erzählen ältere Badegäste vom Gesellschaftstanz – barfüßig auf dem Steinboden – und den wilden Liebesgeschichten, die sie dort erlebten.