ZIKADENSPIELE

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ZIKADENSPIELE (2021)
Für eine Stimme und sieben Geister

Von Claire Tolan

Juni – Oktober kostenlos im App-Store und bei Google Play zum Download.

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Ein rauschendes Zirpen erfüllt die flimmernde Sommerhitze. Im Grün des Parks sitzend, flüstert man uns Dinge aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Die Zikaden dieses Hörspiels sind Klatschtanten und Voyeure*. Sie beobachten die Welt und spekulieren über die Natur der Dinge. Sie nutzen ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response), um uns zu betören und zu entspannen. Ihr Wispern erinnert uns daran, dass es Wirklichkeiten außerhalb der menschengemachten gibt. Mit diesen Werkzeugen fördern sie also das Bewusstsein für unsere Umwelt, unsere menschlichen und nicht-menschlichen Begleiter* und uns selbst.

Ruft die Zikaden über die die App, wo immer Ihr seid oder geht auf Zikadenjagd in den Kongreßpark, Wien.

Kopfhörer nicht vergessen!

ZIKADENSPIELE (2021)
ASMR Hörspiel-App für eine Stimme und sieben Geister

Wer hat denn in Wien schon einmal eine Zikade gesehen? Zwar hören wir ihr Surren in unterschiedlichen Tonhöhen und rhythmischen Abständen. Es schnattert, summt und zirpt, sobald die Erde von den sommerlichen Sonnenstrahlen aufgeheizt ist. Zu sehen sind sie nie. Man müsste den richtigen Zeitpunkt abpassen und sich ins Grüne begeben, um ihr Schauspiel wirklich beobachten zu können. Im Frühsommer schlüpfen ihre Nymphen aus der Erde, wo sie als Larven an Wurzeln saugend das letzte Jahr – manchmal sogar bis zu 17 Jahre[1] – verbracht haben. Erdgeboren graben sie sich empor, um an der Oberfläche ihre alte Haut abzulegen und als singendes und geflügeltes Wesen auf die Bäume zu steigen. Dort sitzen die Männchen am Holz und nutzen ihren Singapparat, um das Weibchen anzulocken. Ihr Zirpen ist so laut, weil sie ihr Hinterteil mit dem Gesangsorgan gegen das Holz drücken und es damit zum Schwingen bringen. Sie nutzen die Baumstruktur als akustischen Verstärker. Ihr ganzes, jedoch nur wenige Wochen dauerndes Leben, verbringt die Zikade mit ihrem bezirzenden Ruf auf der Suche nach einer Partnerin.

Singen die Zikaden zu uns Menschen, hat das meist einen ebenso betörenden Effekt. In der antiken Mythologie repräsentierten sie tatsächlich die Gesangskunst und Poesie, und wurden deshalb auch als Kinder der Musen betrachtet. Die fliegenden Boten des Sommers treten als Hintergrundgeräusch in Platons Dialog Phaidros (um 370 v. Chr.) auf, wo sie die allgegenwärtige Verführung der Sinneswahrnehmung darstellen. Hier mahnt Sokrates seinen Freund Phaidros, sich nicht vom Rausch der Zikaden einschläfern zu lassen und seine philosophischen Untersuchungen zu vergessen. Ingeborg Bachmann greift diese Metapher in ihrem Radiohörspiel aus der Nachkriegszeit auf. In Die Zikaden (1955) werden sie als von den Musen verzauberte Menschen beschrieben. Sie sind dazu verdammt, ihr Dasein im Dienst der Verführung und Verblendung zu fristen. Sie singen den süßen Gesang der Manipulation, um die Menschen von ihrer Suche nach der Wahrheit abzuhalten. Im übertragenen Sinn entspricht ihr Rauschen heute dem ständigen Dröhnen der Aufmerksamkeitsökonomie und den aktuellen Fake-News mit den sozialen Medien als Echokammern.

In Österreich zirpen fünf – von weltweit 26.000 – echte Zikadenarten: Cicadidae Lyristes plebeius (Gemeine Singzikade) und Cicada orni LINNAEUS (Eschenzikade) sowie die Tibicina haematiides (Blutrote Zikade der Lauer), die Cicadetta montana (Bergsingzikade) und, als letzte, die Cicadivetta tibialis (Kleine Singzikade). [2] Sowohl die Blutrote als auch die Berg- und die kleine Singzikade finden sich in und um Wien. Jüngst hat sich eine sechste, die Bläulingszikade (Metcalfa pruinosa), als Neophyt aus Kanada in Wiener Gärten und Parks dazugesellt und sich leider nicht immer beliebt gemacht.[3]

Im Kongreßpark Wien findet sich 2021 mit der ASMR[1] Hörspiel-App ZIKADENSPIELE von Claire Tolan nun eine ganz neue Art, die noch niemand gesehen haben kann und womöglich niemand sehen wird. Denn weniger ihre Gestalt, als ihre vielen Stimmen können wir durch die Augmented Reality-App vernehmen. Diese Zikaden schlüpfen im Gras der Sonnenwiese und treten voller Fragen an die eigene Existenz in die Welt. Sie machen sich einen Reim auf das Geschehen um sie herum, indem sie neue Bedeutungsmuster aus ihren Mutmaßungen weben – und sie beobachten uns. Sie analysieren und kommentieren unser Tun. Wie wir auch stellen sie sich Fragen: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Woher weiß ich, was wahr ist und was nicht?

Kuratorin: Lona Gaikis

Künstlerische Produktion und Grafik: Milena Georgieva

Dank an das Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin.

Gefördert von KÖR Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Wien, dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport BMKÖS sowie der Bezirkskultur Ottakring mit ihrem Bezirksvorsteher Franz Prokop. Mit freundlicher Unterstützung von Ilixa.


[1] Manche Singzikaden haben mehrjährige Lebenszyklen entwickelt, um ihre natürlichen Feinde zu überlisten. Alle 17 Jahre schlüpfen, zum Beispiel, die Nymphen der Brood X Magicicada in Nordamerika. 2021 ist es wieder soweit und große Teile des Kontinents werden von den Paarungsrufen von Milliarden Zikaten lautstark erfasst.

[2] Schedl, Wolfgang. “Die Verbreitung Der Fünf Singzikaden-Arten in Österreich (Hemiptera: Cicadoidea).” Hg. Werner E. Holzinger. Denisia 04, Nr. 176 (2002): 231–40.

[3] Auf der Webseite der Wiener Stadt Gärten wird die 5-8 Millimeter große Metcalfa pruinosa als Schädling geführt, der in den 1990ern nach Österreich eingeschleppt wurde. Sie verursacht bei gesunden Pflanzen kaum schaden, kann aber bei starkem Befall Pflanzenwachstum und die Fruchtausbildung beeinträchtigen. Durch das Saugen von Pflanzensaft produziert Metcalfa Honigtau, der von Bienen gesammelt wird (Metcalfahonig). Somit hat sie eine symbiotische Beziehung zu ihrer neuen Umwelt entwickelt und wird deshalb in vielen Regionen geduldet. Zirpen tut diese Art nicht.